Editionsprojekt

Edition der „Chronik des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Albert Speer“ bzw. „Chronik der Dienststellen des Reichsministers Albert Speer“ 1941 – 1945

Die Forschung zum GBI, dem „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (1937 – 1945), und nachmaligen Rüstungsminister (1942 – 1945) Albert Speer hat in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt ausgelöst durch diverse TV-Dokumentationen (z.B. „Hitlers Helfer“, ZDF 1997, „Hitlers Manager“, ZDF 2004 oder „Speer und Er“, WDR 2005,), einen großen, noch nicht beendeten Auftrieb erfahren. Biographien wie etwa von Gitta Sereny aus dem Jahr 1995 („Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma“. München 2001 [1. Auflage 1995]) oder von Joachim Fest (Speer. Eine Biographie. Berlin 1999), aber auch Einzeluntersuchungen wie jene von Susanne Willems („Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau“, Berlin 2002) legen zusätzlich den Schluss nahe, dass das Thema „Albert Speer“ nach wie vor auf großes Forscherinteresse stößt.

Gemeinsam ist vielen Studien dabei die Verwendung einer zentralen Quelle: Der „Chronik des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“ bzw. „Chronik der Dienststellen des Reichsministers Albert Speer“. Sie wurde von einem engen Mitarbeiter Albert Speers, dem Architekten und Hauptabteilungsleiter in der Dienststelle des Generalbauinspektors, Dr. Rudolf Wolters, geführt und gab ab Januar 1941 in monatlichen Berichten Einblicke in die Tätigkeiten und Ereignisse zunächst in der Dienststelle des GBI, ab Februar 1942 auch zusätzlich im Reichsrüstungsministerium. Die sog. „Speer-Chronik“ wurde bis ins Jahr 1945 hinein geführt.

In den 1960er Jahren ließ Chronik-Verfasser Wolters eine Abschrift anfertigen, die jedoch mit dem Original nicht übereinstimmt. Unliebsame Passagen, so zum Beispiel Teilberichte über die „Freimachung von Judenwohnungen“ in Berlin auf Initiative des Generalbauinspektors, wurden aus „Schutzgründen“ gestrichen und in die Abschrift nicht übernommen. Speer, der die Chronik zum Abfassen seiner 1969 erschienenen „Erinnerungen“ benutzte, übergab die Abschrift der Chronik dem Bundesarchiv Koblenz, das diese Quelle der Forschung als „Originalquelle“ zur Verfügung stellte. Weder Speer noch Wolters hatten das Bundesarchiv über die nicht unwesentlichen Streichungen informiert.

Bis heute ist keine quellenkritische Edition der Chronik veröffentlicht worden, die der Forschung nicht nur den gesamten Text kritisch kommentiert präsentiert, sondern zudem kenntlich macht, welche Stellen gestrichen bzw. welche Redigierungen aus welchen Gründen vorgenommen wurden. Derzeit bleibt es dem Benutzer überlassen, sich im Bundesarchiv Koblenz mühsam die verschiedenen Versionen zu beschaffen und diese miteinander abzugleichen bzw. Literatur zu sichten, die diese redaktionellen Eingriffe darstellen.

Ziel des Projektes soll es sein, dieses Desiderat der Forschung zu beseitigen und eine quellenkritische Edition der gesamten Chronik, welche insgesamt ca. 800 schreibmaschinenschriftliche Seiten umfasst, zu erarbeiten. Ähnliche Projekte, wie zum Beispiel die Veröffentlichung des Dienstkalenders von Heinrich Himmler aus den Jahren 1941/42 (Hamburg 1999), haben gezeigt, wie wichtig die Publizierung von Originalquellen mit einem kritischen Anmerkungsapparat ist und welchen Beitrag sie gerade für die Erforschung der nationalsozialistischen Ära leistet. Zweifelsohne gehört dazu auch die Chronik des GBI, die, wie der Berliner Historiker Matthias Schmidt in seiner 1982 erschienenen Dissertation urteilt („Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Speers wahre Rolle im Dritten Reich“, Bern u.a. 1982 [Neuauflage 2005], S. 24), „in ihrer Art (als Diensttagebuch, A.K) einmalig“ ist.

Nicht zuletzt durch die Vertuschungsabsichten Speers und Wolters, die zudem einem Auffinden eines Originaljahrgangs von 1941 in London Anfang der 1970er Jahre mit einem Täuschungsmanöver gegenüber dem Bundesarchiv begegnen wollten, ist mit der Chronik auch ein Stück Vergangenheitsumgang verbunden. Daneben gilt festzuhalten, dass Forscher, die sich mit den Themen „Albert Speer“, „NS-Architekturgeschichte“ oder „Rüstungs- bzw. Kriegswirtschaftsgeschichte“ beschäftigen, nach wie vor diese zentrale Quelle heranziehen müssen, was eine quellenkritische Veröffentlichung zusätzlich legitimiert.

Das Projekt wurde 2007 gestartet und zunächst durch eine Drittmittelförderung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unterstützt. Zugleich gibt es eine Kooperation mit der Universität Mannheim: Die bau- und kulturgeschichtlichen Inhalte werden vom ehemaligen Wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Alexander Kropp M.A., die rüstungsgeschichtlichen Teile der „Speer-Chronik“ von PD Dr. Jonas Scherner (Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte) bearbeitet und kommentiert.

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